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KRITIK HAMBURGER ABENDBLATT

Falk Schreiber, 02.05.2017

 

 

Interview vom LICHTHOF Theater zu unserer ersten Produktion:

ROBINSON CRUSOE

 

"EIN MENSCH VON HEUTE"

Robinson Crusoe ist die erste öffentliche Theaterproduktion des jungen, interdisziplinär arbeitenden KollektivsGenbu Arts. Im Gespräch mit dem LICHTHOF erzählen Dominique Marino, India Roth, Christoph Plöhn und Sebastian Brühl von ihrem Blick auf professionelles Arbeiten im Kulturbereich, den Adaptionsprozess und den Rassismus der Romanvorlage.

LICHTHOF | Wer und was ist Genbu Arts? Mit wem sitze ich hier?

Sebastian Brühl | Du sitzt hier mit Christoph, Mitbegründer von Genbu Arts, mit Dominique, auch Mitbegründerin von Genbu Arts und mit mir, Sebastian, ebenfalls Mitbegründer von Genbu Arts. Im künstlerischen Prozess sind wir drei Gleichberechtigte, die gemeinsam Kunstprojekte machen. Theater ist dabei die erste Säule, weil wir alle eine fundierte Theaterausbildung haben. Theater ist unser Herzstück. 

LICHTHOF | Wenn das Theater das Herz ist, was sind Niere und Milz?

Dominique Marino | Fotografie und Kurzfilm. Und wir machen die White Tiger Sessions, das sind Musikvideos von Akustiksessions.

LICHTHOF | Für diese Sessions ladet ihr Musiker_innen ein?

Marino | Genau.

LICHTHOF | Wo finden die statt?

Christoph Plöhn | In Hamburg und Umgebung. Wir drehen vor allem mit internationalen, aufkommenden Musikern. Mit denen gehen wir meistens nach draußen in Parks, aber auch manchmal in Theater – auf die Bühne oder in den Publikumsbereich. Wir sind teilweise selbst Musiker, in jedem Fall musikbegeistert, und bringen so unsere Leidenschaften Musik und Film zusammen. Das ist ein Zweig von Genbu Arts.

LICHTHOF | Haben die Zweige etwas miteinander zu tun? Finden Verflechtungen der unterschiedlichen Formen statt? 

Brühl | Unser Wunsch ist, dass Kunst als etwas Vielseitiges wahrgenommen wird. Wir haben gemerkt, dass es viele einzelne Sparten gibt, viele einzelne Kunstprojekte, aber nur sehr wenige Firmen—

LICHTHOF | Ihr versteht euch als Firma?

Brühl | Ja, wir sind eine Firma. Es reicht nicht, durchweg künstlerischen Idealismus zu fahren. Wir müssen uns auch künstlerisch so anpassen, dass wir unseren Schauspielern gute Arbeitsbedingungen schaffen können. Als Firma können wir gewährleisten, dass wir unsere Schauspieler ordentlich bezahlen, ordentliche Verträge aufsetzen, ordentliche Regeln für die Arbeit im künstlerischen Kontext festsetzen – weil die Wirtschaft es von uns verlangt. Als Kompanie stehen wir für diese Verlässlichkeit. Jetzt schauen wir: "Klappt das oder sind die Steine zu groß, die man uns in den Weg legt?" Weil die ganz schön kloppig sind, was Steuern angeht zum Beispiel. Wir könnten es viel einfacher haben als wir es uns machen.

LICHTHOF | Ihr seid eine Firma, die nichtsdestotrotz im Kulturbereich agiert. Warum tut ihr das, wenn es so ein steiniger Weg ist?

Marino | Wir sind alle Schauspielerinnen. In unserer Ausbildung wurde uns immer ans Herz gelegt, nicht auf Engagements zu warten, sondern uns selbst Jobs zu schaffen. Das tun wir jetzt mit unserer Eigenproduktion.

LICHTHOF | Und was zieht euch ins Schauspiel?

India Roth | Arbeitszeit ist Lebenszeit und insofern finde ich mich damit ab, dass es ein unsicherer Beruf ist. Ich habe lieber ein Abenteuer im besten Sinne als einen 9-to-5-Job, der mir im Zweifel keinen Spaß macht.

LICHTHOF | ROBINSON CRUSOE ist eure erste öffentliche Produktion. Was interessiert euch an dem Stoff?

Brühl | Für mich war ein Punkt, dass wir uns als Firma ein bisschen als Robinson Crusoe erleben. Wir sind allein auf weiter Flur. Zum Beispiel haben wir im letzten Jahr ein Spenden-Event gemacht, wo um die 100 bis 150 Leute für eine gute Sache zusammenkommen sollten – gegen Kindesmissbrauch in Hamburg. Schlussendlich ist nicht einmal die Hälfte gekommen – trotz Zusagen. Da steht man als junger Künstler da, möchte Hilfe, möchte fragen: "Wie geht das denn eigentlich?" Und so ist es bei Robinson auch. Natürlich ist er auf Hilfe angewiesen, natürlich möchte er von der Insel befreit werden. Aber beim Lesen hatte ich nie das Gefühl, dass es für die Geschichte notwendig war, dass er gerettet wird. Es ist notwendig, dass er am Leben bleibt und für das Leben kämpft. So ist es bei uns auch. Natürlich haben wir Wünsche, Wege die wir gerne bestreiten wollen, aber wir sagen auch ganz klar: Wir sind so autonom in unserer künstlerischen Beziehung, dass wir, wenn wir in fünf Jahren ein veganes Restaurant haben (zeigt auf India), eine eigene Modelinie (zeigt auf Dominique), ein eigenes Musiklabel (zeigt auf Christoph) und ich irgendwie als Fotograf für National Geographic in der Antarktis bin, sagen: "So what?!"

LICHTHOF | Ich denke bei Robinson Crusoe an einen Sklavenhalter, der das vor seinem Schiffbruch ist und nach seinem Schiffbruch bleibt. Wie geht ihr mit dem im Plot verankerten Rassismus um?

Marino | Das ist bis jetzt noch gar nicht in unserem Fokus. Der Fokus unserer Inszenierung ist die Einsamkeit und Leere auf dieser Insel.

Brühl | Ich bin sehr inspiriert von einer griechischen Theatergruppe, die blitz theatre group aus Athen. Die waren zu einem Gastspiel mit Don Quixote im Thalia Theater, ich habe mitgespielt. Die Talkmasterin des Publikumsgesprächs hat den Regisseur auf die politischen Verhältnisse in Griechenland angesprochen. Der Regisseur ist total ausgetickt und meinte "Wir machen hier Kunst, wir wollen politisch gar nichts zu sagen haben, sondern wir wollen, dass die Leute für eine Stunde aus diesem Politikgeflecht rauskommen." Ich finde auch: Die politische Einstellung von diesem Menschen, was er vorher entschieden hat und was er danach entscheidet, hat mit der Insel nichts zu tun. Er wird von der Insel geformt. Darum ist die Einsamkeit für uns das Hauptthema. Wenn er das nicht tut, stirbt er. Er muss sich anpassen.

LICHTHOF | Ganz allein ist er nicht und er passt auch andere an sein Weltbild an. Taucht die Figur Freitag bei euch auf?

Marino | Ja, ganz zum Schluss, aber nur schemenhaft. Die Geschichte, die wir erzählen, beginnt nach Robinsons Ankunft und endet kurz bevor Freitag auftaucht. Das ist der Radius in dem wir uns bewegen.

Roth | Es sind unterschiedliche Fokusse. Diese ganze religiöse Thematik, die im Roman sehr präsent ist, schneiden wir auch nur kurz an. Ich würde sagen, dass Robinson sehr stellvertretend ist. Ein klassisches Thema für ein Theaterstück: Was ist, wenn der Mensch alleine mit sich ist. So ist es bei uns vielleicht nicht der Defoe-Robinson, sondern es könnte auch ein Mensch von heute sein.

LICHTHOF | Das klingt nach einem Soloabend. Wen sehen wir noch?

Roth | Wir sehen entenartige Vögel. Das sind die einzigen Lebewesen, die noch um ihn herum sind. Und wir fragen auch: "Was passiert mit den Menschen, die zurückbleiben?" Das taucht im Roman gar nicht auf. Bei uns gibt es den Bruder und die Geliebte – Menschen, die Robinson vorher wichtig waren und mit seinem Verschwinden irgendwie umgehen müssen.

Brühl | Genau. Und dann haben wir ein paar imaginative Figuren. Zwei Forscher, die eine wichtige Rolle spielen, weil sich unser Robinson sehr stark träumend erlebt. Diese Figuren sind wichtig für die Insel, weil sie ihn nicht ganz so allein sein lassen. Und für ein bisschen Abwechslung sorgen.

LICHTHOF | Wer hat die dramaturgische Adaptionsarbeit gemacht und wie sah der Prozess aus?

Brühl | Die habe ich gemacht. Wir haben sofort die Besetzung bestimmt und sind direkt in die freien Proben gegangen. Ich habe zum Beispiel die Geliebte und Robinson proben lassen, was vor der eigentlichen Geschichte passiert. Das waren die Vorgänge, die wir für die Adaption gemacht haben. Und dann haben wir geguckt: "Wie ist das Stück?" Weil es zu dem Zeitpunkt wirklich sehr dunkel war. Ein junger, gestrandeter Mann, der alle sozialen Kontakte verliert, auf eine gewisse Art und Weise auch seine Sexualität, und alle Berührungen des Lebens, stürzt sich erstmal in Depressionen. Dann kamen die Kontraste, wie die Forscher. Ich saß eigentlich nie vor dem Roman und sagte „Ja – Nein.“ Vieles haben die Schauspieler selbst erarbeitet.

LICHTHOF | Wie hierarchisch ist euer Arbeitsprozess?

Roth | Ziemlich unhierarchisch, würde ich sagen. Sebastian ist der Regisseur und Dramaturg, der die Endverantwortung trägt. Ansonsten sind wir eine Gruppe. 

Marino | Er steht ja auch als Schauspieler auf der Bühne. Damit das Ganze funktioniert, müssen alle etwas beitragen, die von außen darauf schauen können.

LICHTHOF | Christoph, was reizt dich an der Arbeit an ROBINSON CRUSOE besonders?

Plöhn | Als Sebastian mit dem Stück kam, fiel mir sofort ein, dass es für mich als Jugendlichen mein absolutes Lieblingsbuch war. Ich habe witzigerweise immer nur die Inselmomente im Buch gelesen. Den Anfang habe ich überblättert und den Schluss kaum in Erinnerung. Es hat mich immer gereizt zu erfahren, wie es ihm auf der Insel geht, wie er lebt und überlebt. Ob er nun gerettet wird oder nicht, hat mich nie interessiert. Das Stück funktioniert nun genau so. Da schließt sich ein Kreis.